Am Sonntag, 8.3.2026 wache ich neben meinem kleinen Sohn auf. Wir kuscheln, er hat gute Laune. Noch vor dem Aufstehen lesen wir ein Buch. Über Fridolin, den Hund, der mit allerlei verschiedenen Tieren den Neuankömmling, ein Pony, auf dem Bauernhof freundlich begrüßt und tröstet, damit es sich nicht so fremd fühlt. So viel Freundlichkeit wünsche ich mir in dieser Welt auch zwischen Menschen, die so verschieden sind.
Mein Tag beginnt noch mit Care-Arbeit, ohne dass ich vorher auf Toilette war oder Wasser getrunken habe.
Aber ich bekomme einen Kaffee ans Bett gebracht mit den Worten: Alles Gute zum Frauentag.
Die Hälfte meines Kaffees schaffe ich sogar, bevor er kalt wird. Es liegt wirklich fast nur daran, dass die Tasse sehr groß ist. Zwischendurch bringe ich noch das Kleinkind zur Toilette und vertage den Wunsch, ein bisschen weiter im Skript meiner Coaching-Ausbildung zu lesen. Ich liebe es, am Wochenende mal länger im Bett zu gammeln. Ich bin zwar früh wach, aber ich lese gerne und tue auch mal nichts. Oder schreibe auch mal einen Blogartikel oder daddel auf dem Handy rum (ja, ich weiß, im Bett, am Wochenende, arbeiten… ist für mich selbst gewählt).
Um 10 Uhr wird wie jeden Sonntag das Online-Training meines Programms Embodied Core Flow stattfinden.
Vorher backe ich – natürlich ich, wer sonst? – noch einen Kuchen für die Tanzaufführung meines großen Kindes. Sicherlich sind alle anderen Kuchen auch von Müttern gebacken. Es tut mir Leid, falls ich einen Vater hier Unrecht tue, aber vielleicht kommt da einfach die Wut in mir hoch, dass es in meiner Kern-Familie immer ICH bin, die Kuchen für Hort, Schule und Kindergarten mitbringt. Wenn ich es mir leicht machen will und mal etwas Gekauftes mitbringen möchte, schimpft der Liebste gekauften Kuchen als Industriescheiße. Wenn ich zu müde bin und es trotzdem mache, werde ich gefragt, warum ich das überhaupt mache. Muss ich ja nicht.
Und ich muss es doch. Weil ich auch etwas beitragen möchte. Weil auch die anderen (vielleicht überlasteten?) Mütter nicht alles alleine machen können. Weil ich mein Kind glücklich machen möchte. Ich stecke noch tief im patriarchalen Sumpf und schäme mich zu oft noch dafür.
Vielleicht mache ich mir über dieses Back-Thema ja nur so viele Gedanken, weil ich meine Tage habe? Zyklus-Tag 2. Beschweren kann ich mich nicht, ich gehöre nämlich zu den gesegneten Menschen fast ohne Regelschmerzen. Nur ein bisschen müde bin ich.
Die Müdigkeit liegt vielleicht gar nicht an der Blutung (ist ja keine Krankheit, fühlt sich nur ein bisschen so an), sondern daran, dass ich gestern möglicherweise doch ein kleines bisschen zu lange auf den Beinen war.
Gestern war nämlich das dran: Erst das Kind weggebracht zur Generalprobe, dann eingekauft mit dem anderen Kind, Einkäufe heim gebracht, Kind wieder abgeholt (natürlich alles zu Fuß, wir sind umweltfreundlich unterwegs und stadtnah und eigentlich liebe ich es, außer es sind Tage, an denen ich mich müde fühle, aber trotzdem lieber zu Fuß gehe, weil es mit dem Parken auch nicht optimal ist), dann noch im Garten gewerkelt und alle möglichen Sträucher gekürzt und gesägt bis die Sonne weg war. Nur etwa sechs Stunden war ich fast ohne Pause auf den Beinen und körperlich aktiv. Ich weiß schon, wofür ich trainiere.
Manchmal merke ich erst, dass ich mich überlaste, wenn es zu viel war. Deshalb setze ich mich so stark dafür ein, dass wir uns bewegen um uns besser zu spüren und wahrzunehmen. Und manchmal überlaste ich mich trotzdem, obwohl ich es merke.
Körperlich spüre ich manchmal auch die emotionale Last.
Heute am Frauentag denke ich auch viel über die vielen Geschehnisse in der Welt nach, die Frauen tragen und ich nur emotional für mich halte, während andere sie hautnah miterleben. Ob ich diese Woche so nah am Wasser gebaut bin wegen der Hormone oder weil mich in letzter Zeit so viel berührt hat?
Ich denke an die Frauen* im Iran, die ihr Leben gelassen oder riskiert haben, während ich zu Hause nur drölfzig mal pro Tag den Küchentisch abwische und abends nach 20 Uhr doch lieber das Auto trotz Kurzstrecke benutze. Es geht mir und uns so gut und ich bin dankbar für alle Frauen, die vor mir waren und für das Jetzt gekämpft haben.
Ich denke an die tanzenden Iranerinnen und dass das Ekel Trump vielleicht so weit kommen musste, weil sonst niemand so weit gegangen wäre. Gleichzeitig finde ich es so gruselig, wie wenig gegen ihn und so viele andere widerliche Männer getan wird, obwohl er so eng mit Epstein verwoben ist.
Und dieses Thema bringt mich gedanklich direkt zu der Veranstaltung, um den sich mein Tag heute hauptsächlich dreht.
Mein Kind steht auf der Bühne. Am Donnerstag habe ich schon ein paar Tränchen verdrückt, als ich einen kurzen Teil der Probe mitbekam. Zu meiner Überraschung breche ich nicht beim ersten Lied in Tränen aus, obwohl mein Kind gleich am Anfang strahlend dort steht und die Musik wunderschön ist.
Die Tränen kommen erst, als die Königin – Rapunzels Mutter – in einem traurigen Tanz den Verlust des Kindes betrauert. Dargestellt von einer Frau, die selbst im vergangenen Jahr ihr Kind zu Grabe getragen hat.
Ich denke daran, dass in dieser Geschichte natürlich mal wieder eine hilflose Frau von einem Mann gerettet wird und gleichzeitig liebe ich die künstlerische Freiheit in der Umsetzung, weil Freundschaft unter Frauen eine viel größere Rolle spielt als ich es in Erinnerung habe.
Ich glaube, die Zukunft muss weiblich sein. Damit nicht nur Frauen bei öffentlichen Tanzdarbietungen weinen können. Damit Kinder einfach Kinder sein können. Damit unsere Kinder auf der Bühne ihr Können zeigen, ohne dass wir Angst davor haben müssen, ob im Publikum eklige Typen Videos, Fotos und später daraus Deepfakes machen oder Schlimmeres.
Damit Kinder Freude an Bewegung haben, Freude an glitzernden Kostümen, egal ob bauchfrei oder nicht, damit wir sicher sein können, dass sie nicht sexualisiert werden – ganz egal was sie tragen, und damit wir sicher sein können, dass sie auch nach einem Auftritt im Dunkeln sicher nach Hause kommen.
Damit wir alle uns frei bewegen können.
Es gibt so viele Menschen, die ungesunde Bewegungsmuster verinnerlicht haben – ich sehe sie direkt vor meinem inneren Auge: Hintern, die immer eingezogen sind, starre Lendenwirbelsäulen, die keine Bewegung des Beckens zulassen – manche aus dem einfachen Grund, dass sie mal vor Jahren anzügliche, eklige Kommentare über sich oder andere Menschen gehört haben. Oder, weil sie männlich gelesen werden.
Zu oft sind Frauen bzw. FLINTA immer noch so zurückhaltend und leise und unsichtbar in dieser Welt, weil sie sich schützen müssen und deshalb brauchen wir den Weltfrauentag.
Übrigens, morgen am 9.3. werde ich nirgends streiken, sondern mein Kind wieder zum Auftritt bringen und abholen, dazwischen weniger als drei Stunden arbeiten und mich vielleicht ein bisschen dafür schämen, dass ich mich nicht etwas mehr für Gleichberechtigung in meinem eigenen kleinen persönlichen Umfeld einsetze.
Trotzdem denke ich, dass ich einen von den guten Lebenspartnern habe. Der kocht, einkauft, sich selbst um die Geschenke der eigenen Familie kümmert, Kinder zur Ärzt*in begleitet, Wäsche wäscht und mittlerweile auch aufhängt, obwohl ich ihm genau dann immer wieder gerne das Schlagwort Weaponized Incompetence um die Ohren haue, wenn die Wäsche wieder so unglaublich knittrig und schief aufgehängt ist.
Es braucht den Frauentag, weil zumindest mein Partner immer noch nicht kapiert hat, was eigentlich mein Problem ist, weil das Bare Minimum nicht genug ist und ich vermute, dass ich noch ein paar Jahre lang wenigstens eine Woche pro Monat regelmäßig ausflippen und meckern werde wegen angeblicher Kleinigkeiten, die sich für mich sehr groß anfühlen.
Und so beende ich heute Abend diesen Frauentag mit einem möglicherweise wirren Beitrag und bin voller widersprüchlicher Emotionen während ich gleichzeitig das Vertrauen habe:
Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Die Zukunft ist weiblich und das wird alle Menschen freier machen. Wir sind mitten im Umbruch.
In der Vergangenheit habe ich alle zwei Jahre einen Beitrag zum Frauentag geschrieben:
Was hat der Weltfrauentag mit meinem Beckenboden-Business zu tun?
Ist Beckenboden-Training feministisch? Mein Senf zum Feministischen Kampftag 8.3.2024












Gerade diese privaten und persönlichen Gedanken sind so wichtig, um zu zeigen, warum wir den Frauentag immer noch brauchen. Ich wünsche dir, dass du in einem Jahr vielleicht ein bisschen weniger alleine die Mental Load stemmst!
Liebe Grüße
Angela
Danke dir, liebe Angela! Es sind gefühlt Mini-Schritte, aber sie gehen in die richtige Richtung.